In einem FAZ-Interview äußerte der Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Wolfgang Huber, einige interessante Sätze. Manches davon sind gute, dringend nötige Impulse - anderes zeigt aber auch ein tiefes Dilemma auf. Huber hat zweifellos recht wenn er sagt:
"Die Erneuerung der evangelischen Kirche kann aus dem Kern des christlichen Glaubens, aus dem Verkündigungsauftrag heraus erfolgen. ... Das Wesentliche an den Traditionen des christlichen Glaubens sind seine Inhalte, nicht seine Strukturen. Und es muss viel stärker darum gehen, diese Inhalte zum Leuchten zu bringen. Wir sind verpflichtet, Strukturen überall dort zu bewahren, wo sie dieser Aufgabe dienen; wo sie ihr im Wege stehen, müssen wir sie ändern."
In der Tat war das Evangelium von Jesus Christus noch nie an "heilige Strukturen" gebunden, sondern hat sich in verschiedenen Kulturen und Völkern auch immer eigene, kreative Formen geschaffen. Und Kirchen in anderen Kulturen scheinen umso beständiger und geistlich tragfähiger zu sein, je weniger sie koloniale Abziehbilder westeuropäischer Kirchen wurden. Die rasante Veränderung unserer eigenen Kultur und Gesellschaft ist dagegen für unsere Kirche eine neue, seit Jahrhunderten so nicht gekannte Herausforderung. Hoffentlich gelingt es, darin die "Inhalte zum Leuchten zu bringen". In diesem Zusammenhang formuliert Huber aber auch gleich das Dilemma:
"In Europa aber sind wir durch die Aufklärung gegangen, die nicht rückgängig zu machen ist. Wir müssen immer beachten, dass wir die Leuchtkraft des Evangeliums, die Schönheit gelebter Spiritualität zum Ausdruck bringen und gleichzeitig im Bewusstsein behalten: Wir sind Christen, die die Aufklärung ganz bewusst bejahen."
Hier findet sich der Bischof im Spagat wieder, denn seit Jahrzehnten gehen Theologen durch eine akademische, historisch-kritische Ausbildung, die das Vertrauen in die Bibel nicht gerade fördert, sondern eher zersetzt und untergräbt. Wenn jemand durch diese Ausbildung gegangen ist, sind für ihn die meisten Inhalte der Bibel lediglich von frommen Menschen erfunden und erdacht worden (wenn das die Theologie natürlich auch sehr viel vornehmer und "wissenschaftlicher" formuliert). Wer kann dann noch kraftvolle Predigten halten und die "Leuchtkraft des Evangeliums" Menschen von heute nahebringen?
Der kürzlich geäußerten Kritik von "kulturschaffenden" Berlinern begegnet Huber dagegen ganz gut und brechtigt. Und seinem Plädoyer für sorgfältige, ansprechende Gottesdienste kann ich nur zustimmen:
"Nur sollten wir auch hier nicht in die Falle des Zeitgeistes tappen. Es gibt eine zeitgeistige Sehnsucht nach einem Gottesdienst, der ästhetisch ansprechend und bilderreich, aber inhaltlich möglichst wenig anspruchsvoll sein soll. Wir wollen hingegen einen Gottesdienst, der von der Qualität der Predigt lebt wie auch von einer anspruchsvollen Liturgie mit schönen, sangbaren Liedern."
So ist es. Fragt sich nur, was "schöne, sangbare Lieder" sind für Leute, die im Alltag nur mit "Antenne" oder "NDR2" leben. Sind das wirklich die Lieder, die vor zwei- bis dreihundert Jahren für Instrumente geschaffen wurden, für die sich seit Jahrzehnten immer weniger Leute finden, die sie überhaupt spielen wollen? Dazu gibt es seit Jahren andere Ansätze. Und wenn wir als Kirche von den Menschen noch verstanden werden wollen, wird auch hier ein Mentalitätswandel nötig sein - und manchen genau so wehtun wie strukturelle Veränderungen.